Das ist die Geschichte von der Sau, die einem geldgierigen Bauern das Herz öffnete und ihn zu einem besseren Menschen und gleichzeitig reich machte.

Es lebte oben auf den Fildern einst Bauer Epple – obwohl er gar keine Äpfel sondern Krautköpfe erntete. Ob es am Krautgeruch lag… er war jedenfalls ein bruddliger Zeitgenosse, neudeutsch würde man „stinkig“ sagen. Damit war er sich mit seinen Krautköpfen einig.
Er hatte aber auch noch eine Sau im Stall, die er mästete, auf daß sie ihm beim Schlachter was einbrächte. Zum Eber hatte er die Sau vergeblich geführt, denn die Sau hatte Geschmack! So sind Schweine nun mal! Die Sau hieß Berta. Und weil sie das einzige weibliche Lebewesen auf dem Hof war, nannten die Nachbarn sie heimlich, die „Berta Epple“, denn zu so einem unhöflichen Bauern passte nur eine Sau als Frau. Das ist nicht ganz fair, aber so sind Menschen nun einmal.

Irgendwie liefen die Geschäfte nicht mehr so gut – inzwischen waren wohl sogar die Krautköpfe es leid, auf dem kargen steinigen Acker des miesgelaunten Epples zu wachsen und so bestellte er den Metzger. Am Abend zuvor holte er die Berta aus ihrem Stall und band sie an das Scheunentor. So konnte er den Platz, der ihr Stall gewesen war gleich frei machen für eine junge Kuh, die er sich von dem Geld für die geschlachtete Sau kaufen wollte. Er zählte schon das Geld und war für seine Verhältnisse überaus gut gelaunt, so dass er pfeifend den Stall ausmistete und das letzte Futter für die Sau noch sparte.

In der Nacht wurde es sehr kalt. Die Berta frohr schrecklich und grunzte und schrie vergeblich. Der Epple hatte einen lauten Schlaf, in dem er den halben Degerlocher Wald zersägte… Die Schnur, mit der Berta festgebunden war, gefrohr schon, da zerrte und zurrte das Schwein daran und die Schnur zerbrach. Da schwang die Sau ihre kleinen Hufe und im Schweinsgalopp ging es quer über die Felder irgendwohin. Und mit jedem Meter weg vom Hof wurde es wärmer. Sie irrte umher und versteckte sich bei Tag tief im Wald. Herrlich war es, mal wieder mit dem Rüssel nach Eicheln zu graben und Käferchen und Pilze zu schmausen. Aber der Bauer würde längst nach ihr suchen und so lief sie immer weiter.

Schließlich kam sie durch Zufall zu dem Ort, den man heute Geroksruhe nennt. Damals wohnte dort der Pfarrer Christoph Friedrich Gerok. Ein Mann der das glatte Gegenteil vom Epple war. Der Pfarrer spielte Orgel, lobte Gott und war Mensch und Tier wohl zugetan. Er staunte nicht schlecht als plötzlich die dicke Berta in seinem Garten stand. Und die dicke Berta staunte nicht schlecht, als sie sich kurz darauf in einem Gatter mit einem ziemlich dicken Eber befand, der bereits bei Pfarrer Gerok sein Gnadenbrot fristete.

Inzwischen war der alte Epple nicht nur aus dem Bett sondern auch aus der Haut gefahren! Den Rest der abgebrochenen Kordel in der Hand lief er bis Möhringen, bis Stuttgart hinunter und suchte nach der vermaledeiten Sau. Aber niemand hatte sie gesehen. Einen ganzen Frühling lang lief er – und bestellte sein Feld nicht, so wütend war er. Und es wurde Herbst und da führte ihn sein Weg auch an die Pforte von Pfarrer Gerok. Denn inzwischen war Epple ein Bettler geworden.

Der Pfarrer nahm ihn auf, es gab Hefezopf und ein Käffle, das ist für Schwaben der Himmel auf Erden – und dann auch noch mit Zibeben! Das kann ein Schwabe nicht ausschlagen, dafür hatte sogar Epple sein Höchstlob auf den Lippen: „ed schlecht“ murmelte er, während er sich gierig den Zopf mit Butter bestrich. Und dann spazierte er satt und glücklich nach draußen, wo er geradewegs an einem Gatter vorbei kam, das, ja er konnte es kaum glauben!, das SEINE BERTA beinhaltete! Er fluchte und schimpfte den Pfarrer einen Dreckspfaffen und Grasdackel und wollte seine Sau mitführen. Der Pfarrer nahm ihm das Versprechen ab, nie wieder zu Fluchen und dann wollte er ihm die Sau mitgeben.

Diesmal fackelte Epple nicht lange und führte sie bis hinunter in Stuttgarts Kessel und bis nach Gaisburg, die damals kein Stadtteil sondern eigenständige Stadt war und dort in den neu gebauten Schlachthof. Aber Berta roch den Braten – das kann man wörtlich nehmen. Schweine sind intelligent! Und als sie hörte, was sie hörte, da bekam sie eine Bärenkraft und riß sich los vom Epple und sauste wieder davon. Aber Epple rannte hinterher. Diesmal wollte er sich nicht lumpen lassen und man hat wohl seither nie wieder sowohl eine Sau als auch einen Bauern so schnell „sauen“ sehen wie an diesem Tag!

Wie wir wissen, fließt da unten der Neckar entlang. Und wenn man so im Schwung angerannt kommt, da kann es schon sein, dass man nicht mehr rechtzeitig die Kurve kriegt. Das ist natürlich sau-blöd. Aber genau das geschah: die Sau stürzte in den Neckar hinein, auf ihrer panischen Flucht vor dem ihr Fleisch begehrenden Epple. Und da sah er sie schwimmen und das konnte sie gut! Aber der Neckar hat auch eine Strömung und Berta wurde schwächer. Der Epple wollte sein Schlachtschwein nicht verlieren und sprang hinein.

Mit Mühe erreichte er die beinah zum Meer-Schwein mutierte Sau, doch sie war sehr schwer und nach kurzer Zeit rangen beide um Luft und um Haaresbreite wären sie beide ertrunken. Wahrscheinlich wirkte der gute Geist Geroks nach, denn irgendwie schafften sie es ans Land. Später wurde an dieser Stelle übrigens eine Bootsanlegestelle gebaut, an der regelmässig ein AusflugsPassagierschiff anlegte, das man zu Ehren unserer armen Sau, „Berta Epple“ getauft hat – aber das ist eine andere Geschichte.

Völlig erschöpft lagen sie am Ufer. Und wir wissen nicht was es genau war. Aber im Angesicht des Schreckens vereint muss der alte Epple seiner Sau ein bisschen zu tief in die müden Schweineäuglein geschaut haben. Plötzlich traf ihn dieses Schweineschicksal bis ins Herz. Und plötzlich konnte er nachfühlen, was in dieser Schweineseele vor sich ging und es rührte ihn. Als sie sich beide berappelt hatten, trotteten sie nach Hause. Dort musste der alte Epple mit nichts wieder von vorn anfangen, aber genau dann fühlen sich die Schwaben ja am Wohlsten.

Und siehe da, dann geschah das Wunder! Berta hatte wohl vom Hof des Gerok ein kleines Souvenir mitgebracht. Es lag jedenfalls in 8-facher zappelnder rosa Ausführung im Nest aus Stroh und quiekte und grunzte vergnügt durcheinander! Dass der Epple nicht mit dem kurzfristigen Gewinn im Auge die Sau hatte schlachten lassen, das brachte ihm jetzt Glück. Denn mit seiner Berta wurde er reich und glücklich, und inzwischen war er auch ein ganz passabler Mitmensch geworden, der tatsächlich nie wieder geflucht und gebruddelt hat, so wie er es dem Pfaffen versprochen hatte.

Und die Moral von der Geschicht:

Schnell reich werden dauert nicht lang. Aber langfristig sparen macht reich für die Ewigkeit . – Jedenfalls hat das der Epple überall erzählt. Drum lieben die Schwaben bis heute ihr Sparbuch und den Bausparvertrag und legen sich das „Büchle“ gerne unter´s Kopfkissen. Und damit meine ich nicht das Buch Gottes.

Text: Christiane Maschajechi